Ganzheitliche Medizin - eine Idee aus Dresden

I n der Medizinforschung wurde in Dresden schon häufiger Geschichte geschrieben. Der ganzheitliche Ansatz spielt dabei bis heute eine wichtige Rolle.

Text: Patrick Wildermann

Das Dresdner Universitätsklinikum trägt den Namen Carl Gustav Carus’. Dieser legendäre Arzt an der Elbe war nicht nur Professor der Geburtshilfe, sondern auch Landschaftsmaler, Psychologe und Naturheilkundler; ein Universalgelehrter, der mit Johann Wolfgang von Goethe, Alexander von Humboldt und Caspar David Friedrich befreundet war. Und er gilt als Pionier einer Idee, die man heute als ganzheitliche Medizin bezeichnet.

Eben dieser Ansatz blüht gegenwärtig in Dresden wieder auf – wenngleich unter den Vorzeichen der Zukunft. Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahren zum national und international vernetzten Forschungszentrum entwickelt, wo Wissenschaftler daran arbeiten, mit innovativen Methoden Diabetes zu besiegen, Strategien gegen Alzheimererkrankungen zu entwickeln, oder den „Operationssaal 4.0“ zu planen, in dem Computer bei der Entfernung von Tumoren helfen.

Im Fokus all dieser Forschung steht dabei stets die Frage, wie die Ergebnisse möglichst schnell dem Patienten zugutekommen können.

Von der Prävention bis zur Therapie reicht etwa das Spektrum, das am Paul-Langerhans-Institut im Bereich der Diabetes-Forschung abgedeckt wird. Das Institut arbeitet im Netzwerk Deutsches Zentrum für Diabetesforschung (DZD). Um den Kampf gegen die großen Volkskrankheiten zu forcieren, hat die Bundesregierung zwischen 2009 und 2012 fünf solcher Gesundheitszentren mit jeweils mehreren Standorten in ganz Deutschland geschaffen – an dreien ist Dresden beteiligt. So ist das Paul-Langerhans-Institut eng mit dem Helmholtz-Zentrum in München verbunden.

Das Ziel der Forschung am Paul-Langerhans-Institut ist der Schutz und die Wiederherstellung der Insulin-produzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse zur Prävention und Heilung des Diabetes mellitus.

Für den wissenschaftlichen Koordinator Frank Möller ist die überregionale Zusammenarbeit wichtig, um eine so komplexe Krankheit wie Diabetes wirksam zu erforschen: „Jeder Standort des DZD hat sein Spezialgebiet. Bei uns ist es die Betazelle.“ In Dresden entwickelt eine Arbeitsgruppe eine mit Insulin produzierenden Zellen befüllte Kapsel, die in den Körper eingepflanzt werden kann. Die Idee: Das menschliche Immunsystem könnte eine solche Kapsel nicht zerstören.

Untersucht wird auch, ob als Zellenspender Schweine infrage kommen. „Zu denen hätten wir unbegrenzt Zugang“, so Möller. Während sich dieses Projekt noch in der Erprobungsphase befindet, ist im Bereich der Prävention schon Anwendbares produziert worden – etwa eine App, die zu ausreichender Bewegung animiert: am besten 10.000 Schritte pro Tag!

Um Strategien der Vorbeugung geht es auch in der Arbeit von Gerd Kempermann. Der Wissenschaftler am Forschungszentrum für Regenerative Therapien (CRTD) ist auch Sprecher des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) – ein weiteres Gesundheitszentrum mit Standort in Dresden.

Prof. Gerd Kempermann arbeitet am Forschungszentrum für Regenerative Therapien und ist einer der führenden deutschen Hirnforscher. Mit seinen Kollegen untersucht er, wie das menschliche Gehirn ein Leben lang lernen kann und auch im Alter arbeitsfähig bleibt.

Die Dresdner integrieren bei ihrer Forschungsarbeit viele unterschiedliche Fachgebiete: Die molekularen Mechanismen der Alzheimer-Erkrankung werden ebenso in den Blick genommen wie die Pflege dementer Patienten. Kempermanns Spezialgebiet ist der Hippocampus – also jene Hirnregion, die fürs Erinnern zuständig ist und die im Falle einer Demenz am schwersten betroffen ist. Zugleich aber ist er „die einzige Struktur im menschlichen Gehirn, die lebenslang neue Nervenzellen ausbildet“.

Die Forscher untersuchen – unter anderem an Mäusen – die Frage: „Warum haben Menschen, die körperlich und geistig aktiver sind, ein geringeres Risiko, eine Demenz zu entwickeln?“ Es geht um ein ganzheitliches Verständnis – nicht nur um Physiologie.

Wo menschliche Kapazitäten an ihre Grenzen stoßen, können womöglich Computer oder Roboter helfen. Chirurgie der Zukunft ist das Feld, auf dem Stefanie Speidel forscht. Die Professorin für Translationale Chirurgische Onkologie arbeitet in Dresden am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT), das gemeinsam mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg aufgebaut wird – ein weiterer, wegweisender Verbund.

Stefanie Speidel vergleicht die Technik mit einem Navigationssystem im Auto. Die virtuelle und erweiterte Realität zeigt dem Chirurgen während der OP die exakte Lage des Tumors sowie Gefäße, die er nicht verletzen darf. In fünf bis zehn Jahren, schätzt Speidel, könnte die Technik bereits einsetzbar sein.

Schon heute gelingen manche Operationen am Universitätsklinikum Dresden dank Roboter Da Vinci mit nur fünf Einstichen statt wie früher mit einem großen Schnitt in die Bauchdecke. Dass irgendwann Roboter selbst den Eingriff durchführen, sei aber nicht geplant, sagt sie lachend. In Dresden wird schließlich an der Zukunft der Medizin gearbeitet. Nicht an der Abschaffung des Mediziners. Der muss aber lernen, sein Metier umfassender zu denken, ganzheitlich eben, ganz im Sinne von Carl Gustav Carus.