Dresdens neue Intendanten

Anzeige A n gleich drei wichtigen Bühnen der Stadt gab es in jüngster Zeit einen Neustart: die Semperoper, das Festspielhaus Hellerau und das Staatsschauspiel haben neue Intendanten. Das Dresden Magazin sprach mit ihnen über ihre künstlerischen Vorhaben und ihre persönliche Sicht auf Dresden

Interviews von Peter Laudenbach; Illustrationen: Studio Pong

Peter Theiler, Intendant an der Semperoper

Dresden Magazin: Warum Dresden?

Peter Theiler: Weil die Stadt eine ganz spezielle Aura hat und eine große, über Jahrhunderte gewachsene Kunsttradition. Dresden hat eine bedeutende Geschichte, auch wenn man die finsteren, braunen Zeiten im Dritten Reich, in denen auch diese Stadt mitmarschiert ist, nicht vergessen darf. Es ist eine kunstsinnige Stadt geblieben, mit einem selbstbewussten, musik- und theaterinteressierten Bürgertum, das diese Tradition weiterträgt. Einen besseren Ort kann man sich als Intendant eigentlich nicht wünschen.

Dresden Magazin: Auf welches Ihrer Projekte in der ersten Spielzeit freuen Sie sich am meisten?

Peter Theiler: Unseren Spielplan veröffentlichen wir erst im kommenden Frühjahr. Aber ich freue mich sehr, dass ich mit der Staatskapelle und Christian Thielemann arbeiten kann. Und ich kann Ihnen verraten, dass ich ein Freund der großen französischen Oper bin, die sicher in Zukunft auch in Dresden zu erle- ben sein wird, auch wenn sie hier bisher noch nicht zum Kernrepertoire zählt.

Dresden Magazin: Die Semperoper ist ein Haus mit großer Geschichte. Ist die Macht der Tradition für Sie eher Last oder Lust?

Peter Theiler: Seit über 150 Jahren, seit Carl Maria von Weber und Richard Wagner bis zu den großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts, wird hier bedeutendes Musiktheater gemacht. Diese Geschichte ist überhaupt keine Last. Es ist eine große Erbschaft und eine Herausforderung, an diese Tradition anzuknüpfen. Zur Geschichte der Semperoper gehören Regisseure wie Ruth Berghaus und Peter Konwitschny. Bei Berghaus habe ich als junger Berufsanfänger assistiert, das waren wichtige Erfahrungen. Peter Konwitschny ist ein Regisseur, der unbedingt an dieses Haus gehört und auch wieder hier arbeiten wird.

Dresden Magazin: Dresden braucht Oper, weil …

Peter Theiler: … es eine Musik- und Kunststadt ist. Für mich ist Oper Musiktheater, wir erzählen Geschichten, die von gesellschaftlicher, politischer und sozialer Relevanz sind und mit den Problemen unserer Zivilisation zu tun haben. Ich kann Ihnen versprechen, dass das sehr aufregend und spannend ist!

Peter Theiler, 1956 in Basel geboren. Ab 1991 Direktor des französi­schen Theaterfestivals Perspec­tives. Ab 1994 Oberspielleiter und Bühnenbildner der Oper am Nati­onaltheater Mannheim. Anschließend Direktor des Theaters Biel Solothurn in der Schweiz. Intendant am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier und am Staats­theater Nürnberg; an der Semperoper seit der Spielzeit 2018/19. (http://semperoper.de)

Carena Schlewitt, Intendantin an den Festspielen Hellerau

Dresden Magazin: Warum Dresden?

Carena Schlewitt: Weil das Festspielhaus Hellerau eines der wichtigen Produktionshäuser Deutschlands für die freie, internationale Szene der zeitgenössischen Künste ist: Tanz, Theater, Performance, Musik. Ich denke, auch meine Herkunft spielt eine Rolle, meine biografische Prägung im Osten. Wo steht der Osten heute – gerade in so einer geschichtsträchtigen Stadt wie Dresden – und wo steht Dresden in Europa, in der Welt?

Dresden Magazin: Auf welches Ihrer Projekte in der ersten Spielzeit freuen Sie sich am meisten?

Carena Schlewitt: Ich freue mich auf die vielen Anfänge, auf die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt, mit der freien Szene aus Deutschland und aus Dresden, mit den Kunsthochschulen, mit den tollen Museen, mit anderen Partnern, die ich jetzt noch gar nicht kenne. Und ich freue mich darauf, das Dresdner Publikum kennenzulernen!

Dresden Magazin: Weshalb ist das Festspielhaus Hellerau so aufregend?

Carena Schlewitt: Das Haus hat eine unglaubliche Geschichte: gegründet als Haus für die Künste und die künstlerische Bildung Anfang des 20. Jahrhunderts, eine Polizeikaserne im Dritten Reich, eine Turnhalle der Sowjetarmee nach 1945. Nach der Wende wurde es durch das Engagement vieler Menschen wieder in ein Haus für die Künste verwandelt. Mich interessieren die Orte, die Räume, in denen Kunst stattfindet. Und mich interessiert Dresden als „Kippfigur“, so hat es der Autor Peter Richter in seiner Dresdner Rede beschrieben. Geschichte und Gegenwart kommen hier auf so spannungsreiche Art zusammen, dass die Frage der Zukunft für die ganze Stadtgesellschaft im Raum steht.

Dresden Magazin: Was fehlt Ihnen in Dresden?

Carena Schlewitt: Ein Museum der zeitgenössischen bildenden Kunst, ein Pendant zu den großartigen Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, zum Deutschen Hygiene-Museum mit seinen anregenden Ausstellungen und zum Militärhistorischen Museum, das von Daniel Libeskind umgebaut wurde.

Dresden Magazin: Was sollte ein Besucher in Dresden unbedingt sehen?

Carena Schlewitt: Vielleicht sollte der Besucher von allen Brücken die verschiedenen Perspektiven auf die Stadt Dresden testen.

Dresden Magazin: Dresden braucht das Festspielhaus Hellerau, weil …

Carena Schlewitt: … das ein einzigartiger Ort ist, an dem die Besucherinnen und Besucher Kunstformen erleben können, die sie so woanders nicht finden. Was solche Häuser besonders macht, ist die Unmittelbarkeit des Erlebnisses und des Austausches. Man trifft sich!

Carena Schmitt, 1961 in Leipzig geboren, arbeitete von 1985 bis 1993 an der Akademie der Künste in Berlin. Ab 2003 stellvertretende künstlerische Leiterin des Berliner Theaters Hebbel am Ufer, später künstlerische Leiterin der Kaserne Basel und des dortigen inter­nationalen Theaterfestivals. Intendantin an den Festspielen Hellerau seit Beginn der Spielzeit 2018/19. (http://www.hellerau.org)

Joachim Klement, Intendant am Staatsschauspiel

Dresden Magazin: Warum Dresden?

Joachim Klement: Weil es eine reizvolle Aufgabe ist, in dieser ausgesprochen spannenden Stadt ein Theater zu leiten. Weil das Staatsschauspiel ein sehr gutes Haus ist und ich mich nach Jahren als Generalintendant an einem großen Mehrspartentheater darauf freue, mich wieder ganz auf das Schauspiel zu konzentrieren.

Dresden Magazin: Dresden ist eine Barockstadt mit reicher Kulturgeschichte. Ist die Macht der Tradition für Sie eher Last oder Lust?

Joachim Klement: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche“, hat Gustav Mahler gesagt. Ich finde, er hat recht. Für mich ist die Tradition immer Ausgangspunkt und im besten Fall Sprungbrett für das Morgen. Anders macht künstlerische Arbeit auch keinen Sinn.

Dresden Magazin: Auf welches Ihrer Projekte in der ersten Spielzeit freuen Sie sich am meisten?

Joachim Klement: Auf viele! Ich bin sehr gespannt auf den Beginn. Wir eröffnen mit den ersten Premieren am Wochenende der Bundestagswahl. Die Fragen nach der Verfasstheit unserer Demokratie stellen sich in diesen Tagen ja mit besonderer Dringlichkeit.

Dresden Magazin: Was sollte ein Besucher in Dresden unbedingt sehen?

Joachim Klement: Den kulturellen Reichtum dieser Stadt mit den Staatlichen Kunstsammlungen, der Semperoper und dem Staatsschauspiel. Aber genauso das Festspielhaus Hellerau und die Neustadt, ein ungeheuer lebendiger Stadtteil mit vielen kulturellen Zentren. Und außerdem: die Elbe, die Elbwiesen, die Weinberge … Den Wein sollte man auch probieren, es lohnt sich!

Dresden Magazin: Welche Inszenierung darf man in Ihrer ersten Spielzeit nicht verpassen?

Joachim Klement: Im Ernst? Alle. Aber bei einer Aufführung wollen alle Mitarbeiter unbedingt dabei sein: „Circus Sarrasani“ von und mit Rainald Grebe. Ein Stück Heimatgeschichte und „The Greatest Show on Earth“, so der Untertitel. Mehr geht nicht, oder?

Dresden Magazin: Dresden braucht Theater, weil …

Joachim Klement: … jede Großstadt weltoffene Plätze braucht. Theater sind Orte des „Probehandelns“, wie Alexander Kluge sagen würde. Das Theater ist ein Labor sozialer Fantasie. Hier kann man jenseits von Ideologie die Debatte darüber führen, wie wir leben wollen.

Joachim Klement, 1961 geboren, war Dramaturg am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und am National­theater Mannheim. Ab 1999 Chefdramaturg und Stellvertreter des Gene­ralintendanten am Bremer Theater, ab 2006 am Düsseldorfer Schauspielhaus. Ab 2010 Generalintendant am Staatstheater Braunschweig. Intendant am Staatsschauspiel ab der Spielzeit 2017/18. (http://www.staatsschauspiel-dresden.de)