Die Hochzeit des Jahrhunderts 1719 reloaded

A ugust der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, hatte große Pläne für seinen Sohn. Für ihn schmiss er vor 300 Jahren die größte Hochzeitsparty weit und breit.

August der Starke war eine schillernde Persönlichkeit. Womöglich die schillerndste, die Dresden je hervorgebracht hat. Er liebte die Kunst und das Leben, er spann Intrigen und führte, wenngleich erfolglos, Kriege. Er vergrößerte die berühmten Kunstsammlungen, plante prächtige Paläste, holte Künstler nach Dresden. Er setzte alles daran, die Stadt in eine barocke Metropole zu verwandeln.

Das Projekt „Kaiser“

Vor allem aber verfolgte der sächsische Kurfürst einen Plan: Er wollte sein Land als europäische Großmacht etablieren. Sein oberstes Ziel war es deshalb, die deutsche Kaiserwürde nach Sachsen zu holen. Den polnischen Königstitel sah er nur als Treppenstufe auf dem Weg nach ganz oben. Millionen Taler an Bestechungsgeld opferte er, damit die polnischen Adligen ihn wählten. Als das Projekt „Kaiser“ für ihn selbst zu scheitern drohte, sollte wenigstens sein Sohn Friedrich August auf den Thron. Dafür setzte August der Starke alle Hebel in Bewegung. Er verheiratete Friedrich August mit der österreichischen Erzherzogin Maria Josepha. Es war eines der größten Feste seiner Zeit: die 40 legendären Tage von 1719.

Das Hochzeitspaar: Friedrich August II. (1696–1763) und Maria Josepha (1699–1757)

Die Hochzeit erfüllte eine doppelte Funktion. Sie sollte einerseits eine Allianz zwischen Sachsen und Österreich schmieden, um sich gegen das zu dieser Zeit immer stärker werdende Preußen abzusichern. Mit der Verbindung orientierte sich das barocke Sachsen politisch in Richtung Süden. Das ist der Architektur der Elbe-Metropole auch noch heute anzusehen.

Andererseits hoffte August der Starke, mit der ehelichen Verbindung könnte die Kaiserkrone in Dresden landen. Diese war von langer Hand vorbereitet. 1712, sieben Jahre vor der Vermählung, hatte der Thronfolger seine Konfession wechseln müssen, um in die Riege potenzieller Gatten für katholische Fürstenhäuser aufgenommen zu werden.

Doch die Konversion blieb geheim bis 1717, um die Landstände und den Adel im protestantischen Sachsen nicht rebellisch zu machen. Als das „hochfürstliche Beylager“, wie es die Chronisten vor dreihundert Jahren nannten, dann tatsächlich zustande kam, wollte August der Starke der Welt seinen Herrschaftsanspruch demonstrieren: Von den Feierlichkeiten, die er im Herbst 1719 auf die Beine stellen ließ, sollten die Fürstenhöfe Europas noch lange sprechen.

Schlicht in Wien, opulent in Dresden

Die eigentliche Vermählung hatte bereits am 20. August in der Kapelle der Favorita in Wien stattgefunden. Es war eine vergleichsweise schlichte Festivität gewesen, ohne viel Tamtam: Es wurde lediglich eine eigens komponierte Oper aufgeführt. Richtig groß gefeiert wurde erst in Dresden, denn für das sächsische Kurfürstentum war die Hochzeit ungleich wichtiger als für den Habsburgischen Hof.

Nachdem die Braut am 31. August in Pirna endlich sächsischen Boden betreten hatte, ließ der Kurfürst von seinem Hofmarschallamt alle Formen von Unterhaltung auffahren, die damals in Mode waren: Ritterspiele und Bankette, Maskenbälle, Aufmärsche und Redouten, Parforcejagden und Turniere, Feuerwerke, Aufzüge, Konzerte, italienische und französische Komödien, Operetten- und Opernaufführungen sowie Seeschlachten auf den Gewässern bei Schloss Moritzburg.

Höhepunkt des Jupiterfests war eines der größten Reiterspiele des Barock. Damit wurde zugleich der neuerrichtete Zwinger eingeweiht.

Einige der Festivitäten fanden im Zwinger und dem benachbarten Opernhaus statt. Beide waren auf königlichen Befehl hin eben noch rechtzeitig in einem Hauruck-Verfahren fertiggestellt worden, um einen Ort für Reiterturniere, Jahrmärkte oder Aufführungen zu haben. Die Architektur, die heute noch das Bild Dresdens prägt, ging eine Symbiose ein mit dem Fest: Beide dokumentierten die Größe des kurfürstlich-königlichen Hofes.

Um die Lustbarkeiten zu dokumentieren und der Nachwelt die Großartigkeit des Sächsischen Hofes zu überliefern, waren Künstler und Schreiber engagiert worden, die die außergewöhnlichen Ereignisse möglichst detailliert festhalten sollten. Ein prächtiger Band mit mehr als 125 Zeichnungen sollte alles bisher Dagewesene übertreffen, ist heute aber nur noch als Torso erhalten.

Der Dichter und Zeremonienmeister Johann von Besser schrieb in seiner „Lob-Schrift An Ihre Königliche Majestät von Pohlen“, einer Auftragsarbeit, dass „bey diesem eintzigen Beylager fast alle Lustbarkeiten des gantzen menschlichen Lebens vereinbaret gewesen“ seien. Die Feierlichkeiten dauerten 40 Tage. Vor allem die Abfolge von sieben Planetenfesten, in denen systematisch allen damals bekannten Sonnentrabanten gehuldigt wurde, geriet zum Gespräch an den Höfen Europas.

Beim Fest des Saturn im Plauenschen Grund erstrahlten die Symbole der Götter über dem Festmotto „Constellatio Felix“. Das heißt soviel wie „glückliche Konstellation der Sterne“.

Sachsen im Mittelpunkt der Welt

Alle Inszenierungen dienten allerdings nicht nur dem Amüsement und der Demonstration von Größe, sondern sollten mit Hilfe von Allegorien und Metaphern auch das Image des Kurfürsten prägen. Sie waren, wenn man so will, in erster Linie Marketingmaßnahmen. Wenn 1500 Bergleute aufmarschierten, dann sollte das betonen, woher das Land Sachsen vornehmlich seinen Reichtum bezog – nämlich aus dem Bergbau. Wenn auf dem Altmarkt ein Ritterturnier inszeniert wurde, dann kam dabei niemand mehr zu Schaden – aber es wurde eine Verbindung hergestellt zur ruhmreichen Vergangenheit der Wettiner.

Und wenn sich zum Merkur-Fest die Gäste als Perser, Amerikaner, Franzosen, Indianer, Chinesen, Afrikaner, Türken, Ungarn oder Russen verkleideten, dann signalisierte das: Das herrliche Elbflorenz liegt im Mittelpunkt der Welt.

All diese Hinweise, Symbole und Zeichen sollten sich zu einer großen Erzählung verdichten, von der Größe Sachsens und seines Herrschers künden – und nicht zuletzt von seinen Ambitionen. Bekanntlich scheiterten diese am Ende. Kein Wettiner wurde jemals Kaiser, und Sachsen nie europäische Großmacht, sondern spielte weiterhin zwischen Preußen im Norden und Österreich im Süden die zweite Geige. Die hochfliegenden Pläne Augusts des Starken waren gescheitert.

Aber immerhin: Nach allem, was man weiß, wurden Friedrich August und Maria Josepha glücklich in ihrer arrangierten Ehe. Sie bekamen 15 Kinder, von denen elf das Kindesalter überlebten. So gesehen war die große Party des Jahres 1719, diese Leistungsschau barocker Vergnügungen, auch nur eine ganz normale Hochzeit.